Von der Religionsfreiheit ausgenommen

Felsenfest ist die Religionsfreiheit in unserer Verfassung verankert, sie gilt als eines der elementaren Grund- und Menschenrechte. Mehr oder minder ist sie auch in den Köpfen der Menschen umgesetzt, wenngleich das Verständnis (gelegentlich schwankend nach Bildungsgrad) für verschiedene Religionsgemeinschaften oft ungenügend zu sein scheint. Unverständlicherweise gibt es allerdings eine erschreckende Ausnahme hiervon. Es handelt sich dabei weder um eine pädophile oder polygame Sekte noch um eine Weltreligion, die nach Ansicht manches populistischen Demagogen dabei ist Europa zu besetzen. Gemeint ist die Religionsfreiheit im eigentlichen Wortsinn, die selbst gewählte Freiheit von jeder Religion, vereinfacht der Atheismus und der Agnostizismus.

Immanuel Kant wäre wohl erschüttert angesichts der Erkenntnis, dass knapp 250 Jahre nach seinen wichtigen Beiträgen zur Aufklärung immer noch die Majorität der Menschen quer über alle Bildungsniveaus hinweg sich als Anhänger einer der großen Weltreligionen bezeichnen würde. Als Ziel der Aufklärung definierte er das „…Ende einer selbst verschuldeten Unmündigkeit, dem Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen“. Es scheint als hätte sich in den letzten Jahrhunderten kaum etwas an dieser Unmündigkeit verändert. Offen gelebter Atheismus wird noch heute stigmatisiert und trifft häufig auf grenzenloses Unverständnis. Es gibt zahlreiche Superstars die sich von fragwürdigen Religionsgemeinschaften instrumentalisieren und ausnehmen lassen, kaum aber prominente Vertreter des Atheismus, nahezu ebenso wenige Agnostiker.

In vielen Ländern scheint es insbesondere Politikern auch im 21. Jahrhundert kaum möglich zu sein ein hohes Amt zu bekleiden und sich gleichzeitig zu einer atheistischen Lebensweise zu bekennen. Bekannte atheistische Politiker entstammen bis auf wenige begrüßenswerte Einzelfälle dem Sozialismus, wo sämtliche Kräfte auf die Verherrlichung der Partei gelenkt wurden. Als interessante Ausnahme kann Heinz Fischer genannt werden, der es trotz Bekenntnis zum Agnostizismus bis ins „höchste Amt des Staates“ in Österreich geschafft hat. Er hat demonstrativ bei seinem Amtseid die übliche Floskel "So wahr mir Gott helfe" weggelassen, was durchaus für eine außergewöhnliche Überzeugung spricht und ihm hoch anzurechnen ist.

Die negative Religionsfreiheit, das Recht ohne Religionsbekenntnis und Glaube an Gott zu leben, ist selbstredend ebenso in der Verfassung festgelegt, in den Köpfen der Menschen ändert dies allerdings wenig. Lediglich im Bereich der Intellektuellen finden sich zahlreiche Vertreter genannter Minderheit. Zu nennen sind beispielsweise Stephen Hawking oder Noam Chomsky, auch Bill Gates und Warren Buffet bezeichnen sich selbst als Atheisten. Ihr Einsatz für eine Einschränkung der Macht der Religionen ist allerdings bisher selten auf fruchtbaren Boden getroffen. Es ist ungewiss, wie lange die Menschheit noch braucht um sich religiöser und politischer Bevormundung weitgehend zu entledigen. Aber auch für religiös Abstinente gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
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Metepsilonema - 25. Aug, 00:31

Naja: Wenn ich an Leute wie Dawkins oder Hitchens denke, dann bringt sich "der Atheismus" selbst oft genug in Misskredit.

Und im strengen erkenntnistheoretischen Sinn ist der Atheismus auch ein Glaube: Die Nichtexistenz Gottes kann nicht bewiesen werden (man kann bestenfalls mit Wahrscheinlichkeiten argumentieren).

Und ich glaube nicht, dass Kant Atheist war (weil hier die Aufklärung ins Feld geführt wird).

denkanstoesse - 26. Aug, 21:40

Kant würde man sicherlich als Agnostiker einordnen, aber auch diese sind im obigen Artikel miteinbezogen. Atheismus im eigentlichen Sinn kann man sicherlich als Glaube bezeichnen, wie sie schon richtig geschrieben haben beschränkt sich die Argumentation im Wesentlichen auf Wahrscheinlichkeiten.

Es ist sicherlich ein Problem der Atheisten, dass auch aus ihrem Bereich nur "radikale" Gedanken publiziert und verbreitet werden, allen voran natürlich Dawkins.....pragmatische Äußerungen als wirkliche Diskussionsbasis sucht man dagegen nahezu vergeblich
Metepsilonema - 28. Aug, 10:49

pragmatische Äußerungen als wirkliche Diskussionsbasis sucht man dagegen nahezu vergeblich

Ja, leider. Oder sagen wir: Sie sind selten.
denkanstoesse - 28. Aug, 20:44

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Ich sehe aber in dieser Hinsicht durchaus Fortschritte. Ich glaube beispielsweise nicht, dass die derzeitigen Kirchenaustritte allein im Zusammenhang mit diversen Skandalen zustande kommen. Es können sich schlichtweg immer weniger Menschen mit Religion identifizieren.

Ich bin durchaus der Überzeugung, dass dies bei jungen Muslimen beispielsweise ebenso zu beobachten ist. Auch wenn FPÖ und BZÖ das natürlich ungern hören, weil ihre Predigt vom Untergang des Abendlandes daran zerbrechen könnte, wenn sich der "Feind" gewissermaßen selbst abschafft.
Metepsilonema - 29. Aug, 22:52

Es können sich schlichtweg immer weniger Menschen mit Religion identifizieren.

Ich glaube nicht, dass das stimmt (oder nur partiell, wenn damit institutionelle Religion gemeint ist). Warum?

a) Weil religiöses Erleben menschlichen Erlebens ist, und nicht einfach verschwindet (es könnte sich höchstens anders manifestieren, in andere Bahnen gelenkt werden), und

b) weil Religion eine mögliche Antwort auf existenzielle Fragen darstellt (eine, die es in dieser Form sonst nicht gibt).

Außerdem c) drängt unsere konsumorientierte, zersplitterte, und unübersichtliche Welt (zumindest in mancherlei Hinsicht) geradezu ins Irrational-Religiöse.

Natürlich ist Religion in ihren sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen, etc. Dimensionen damit nicht hinreichend erfasst, aber ich glaube das sind gute Gründe warum es sie gibt, und auch weiter geben wird. Ich habe auch nichts Grundsätzliches gegen (institutionalisierte) Religion, solange sie gewisse Grenzen nicht überschreitet.

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